„Die hängen hier irgendwo dazwischen“ Übergangsklassen und das Problem, noch nicht angekommen zu sein.

Die Corona-Pandemie hat den Schulalltag stark beeinträchtigt. Viele Familien mussten außergewöhnliche Situationen meistern. Die „Übergangsklassen“ haben in dem ganzen Tumult aber keine besondere Beachtung gefunden. Was haben Familien erlebt, die ein Kind in diesem besonderen Jahr eingeschult haben und wie hat der Übergang in die weiterführende Schule funktioniert? Einen ganz privaten Einblick möchte Euch Wafaa geben. Sie ist Mutter von zwei Kindern und lässt das letzte Jahr Revue passieren: Einschulung und Schulwechsel im Jahr 2020/2021…  

„Ich kann mich noch an die Einschulung meines Sohnes im Jahr 2016 erinnern. Damals noch ohne Corona. Die Kinder wurden mit einem großen Schulfest empfangen. Die ganze Familie durfte dabei sein – inklusive Omas und Opas. Das ganze Schulgelände mitsamt der Sporthalle boten einen großen Empfang. Eine feierliche Ansprache der Schulleitung, die knapp 400 Menschen willkommen hieß. Alle waren alle dabei: die Schulkinder mit ihren Schultüten, Eltern, Geschwister und Großeltern. Auf dem gesamten Schulhof und im Schulgebäude, standen Tische und Stühle. Der Förderverein der Schule organisierte Kaffee, Kuchen, Snacks und Getränke. Die Kinder tobten, spielten und freuten sich. Das war ein besonderer Tag. Die „Kleinen“ wurden ganz groß gefeiert. Sie waren so stolz, endlich in die Schule zu gehen.  

In diesem Jahr fanden AGs am Nachmittag, Projektwochen und Ausflüge statt. Die Highlights des Jahres waren ein Spiel-Sport-Fest, ein Sommerfest und eine große Weihnachtsfeier in der Schule. Natürlich waren Eltern, Geschwister und Großeltern immer herzlich willkommen, um mit den stolzen Kindern zu feiern und zu singen. Viele Momente, die verbinden: Die Klassenlehrerin lobte schon bald den tollen Zusammenhalt der Klasse und die Einheit, die sich rasch bildete.  

2020 – sah das alles ganz anders aus. Schon der Austritt aus dem Kindergarten war geprägt von Abstand halten. Auf dem Hofboden des Kindergartens waren große Kreise gemalt, aus denen sich das jeweilige Elternpaar sich nicht herausbewegen durfte. Es hieß Abstand halten. Die Kinder bekamen auf dem Hof die Schultüten zum Abschied überreicht. Kein Singen, kein Spielen, kein Lachen. Einige Erzieher*innen weinten bitter und schluchzten, weil sie ihre liebgewonnenen Kinder zum Abschied noch nicht mal in den Arm nehmen konnten. Das war die letzte Erinnerung, die ich an den liebevollen Kindergarten hatte, der meiner Tochter drei Jahre lang Geborgenheit gab.  

Die Einschulung wurde im Rahmen des Möglichen liebevoll gestaltet. In ganz kleinen Klassengruppen wurden die Schüler*innen klassenweise eingeschult. Eine kurze Rede der Schulleitung und schon gingen die Kinder mit den großen Zuckertüten in ihre Klasse. Empfangen wurden die Kinder von ihrem Klassenlehrer, der eine Atemschutzmaske trug. Nach 45 Minuten endete die erste Schulstunde ihres Lebens und sie durften nach Hause gehen. Kein Essen oder Trinken. Kein Singen oder Spielen.  

Am Tag darauf durften die Eltern das Schulgelände nicht betreten und mussten ihre kleinen Kinder am Schultor abgeben. Einige Kinder weinten, weil sie der plötzliche Schuleintritt überforderte – und die Eltern durften sie nicht noch ein Stück begleiten. Ich kann mich erinnern, wie eine Mutter sich schweren Herzens von ihrer weinenden Tochter abwendete, damit sie „endlich“ mit dem Klassenlehrer mitgeht. „Sie kennt ihn nicht, ist schüchtern und hat ja noch nie sein Gesicht gesehen – ohne Maske.“ sagt sie leise – als wollte sie sich dafür entschuldigen, dass ihre Tochter nicht „funktioniert“.  Eine Woche später erzählte mir eine Mutter verzweifelt, dass sie noch keine Gelegenheit hatte mit dem Klassenlehrer zu sprechen: „Ich muss ihn doch über die Allergie informieren.“ Sie hatte große Angst, dass ihr Kind durch das allergische Asthma Atemnot bekommt und der Lehrer noch nicht alle nötigen Informationen hat, um damit richtig umzugehen.  

Auch die weiterführenden Schulen hatten keinen großen Empfang. Mein Sohn kam in die 5. Klasse. Der Abschied aus der 4. Klasse fand ebenfalls im kleinen Rahmen statt. Die Eltern mussten auf dem Pausenhof warten. Durch die offene Tür konnten sie reinblicken um zu sehen, wie die Kinder im Klassenverband ihre Zeugnisse feierlich überreicht bekommen. Ein kurzer Abschied.  

Die Einschulung in die 5. Klasse war auch nicht viel umfangreicher. Kurze Klassenaufteilung. Namen wurden aufgerufen. Die Kinder trugen Masken und gingen mit. Den Rest kennen wir aus der Presse: Lockdown, Distanz-Unterricht, Wechselunterricht, Masken, Corona-Tests etc. Wahrscheinlich muss ich nicht mehr erwähnen, dass es keine Projektarbeiten, AGs am Nachmittag oder Schulfeste gab.  

Die fünften Klassen und generell die Schüler*innen an den weiterführenden Schulen sind nicht so pflegeleicht wie die Grundschulkinder. Bald gab es Beschwerden über Streitereien, Respektlosigkeiten den Lehrern gegenüber und störende Kinder in den Klassen. Sogar der Schulelternbeirat fühlte sich verpflichtet, eine Mail an alle Eltern zu schreiben, um die Gepflogenheiten der Kinder in den Elternhäusern kundzutun. „O Tempora, O Mores“ hieß es „Welch Zeiten, welch Sitten!“ 

Als Elternbeirat ist man etwas näher an den Lehrkräften dran. In Gesprächen prägten sich einige Sätze bei mir ein, die einen kleinen Einblick in die Hilflosigkeit der Lehrer*innen zeigen: „Wissen Sie, wir hätten bis jetzt 4 Ausflüge und eine Klassenfahrt macht.“ sagte eine Lehrerin am Ende des Schuljahres zu mir. „Wir dürfen ja nix machen. Die Kinder sind hier noch gar nicht angekommen. Die sind nicht richtig raus aus der Grundschule und hier sind sie auch noch nicht richtig angekommen. Sie hängen irgendwo dazwischen.“ 

Irgendwo dazwischen hängen wahrscheinlich auch die Grundschüler*innen, denn auch hier sagte eine Lehrkraft: „Das ist alles so schade. Keine Gruppenarbeiten, keine Projektarbeiten. Das wirft uns 50 Jahre zurück. Wir können nur Frontalunterricht machen.“ 

So traurig all diese Schilderungen auch sind, haben die Lehrkräfte im letzten Schuljahr alles in ihrer Macht Mögliche getan, um es den Kindern nicht unnötig schwer zu machen und versucht schöne Momente einzubauen.  

Denn mir ist klar, dass es die Lehrkräfte sehen, wenn ein Kind für einige Minuten die Maske abzieht und dies stillschweigend „übersehen“ wird, anstatt streng alle Regeln zu befolgen.  

Und es berührte mich sehr, als mein Kind in der Vorweihnachtszeit nach Hause kam und mit leuchtenden Augen erzählte: „Mama, wir haben heute draußen auf dem Pausenhof Weihnachtslieder gesungen.“  

Vielen Dank an alle Lehrer*innen, die in diesem harten Jahr immer mit Herz und Verstand gehandelt haben.“  

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